Der Tod des Begriffs I

Eben durfte ich Zeuge eines literaturwissenschaftlichen Schauspiels werden, das immer seltener ein seltenes zu sein scheint. Da trägt eine gewisse Frau Prof. Dr. Katharina Grätz zum Thema ‚Autor, Autorschaft‘ vor. Natürlich bildet Helene Hegemanns Roman ‚Axolotl Roadkill‘ den Aufhänger der ganzen Geschichte, beinahe sprichwörtlich untermalt vom Cover des Buches als erste Folie. Zur Einführung werden die Vorgänge um Hegemanns Roman, die Plagiatsvorwürfe an sie und die sich daran anschließende Diskussion in den Feuilletons dieser Zeitungsrepublik rekapituliert. Ich, als Autor dieses Artikels, möchte Dir, lieber Leser, dieses Kapitel der jüngeren Literatur- und Literaturkritikgeschichte genauso ersparen, wie die sich daran scheinbar mit Notwendigkeit anschließende Debatte um die ollen Kamellen Roland Barthes‘ und Michel Foucaults. Stattdessen will ich lieber gleich zum Punkt kommen: Zum Tod des Begriffs, genauer, zum Tod des Begriffs in der Literaturwissenschaft. Nun ja, fast gleich.

Da diskutieren die Damen und Herren Professoren im Anschluss an Frau Grätz‘ Vortrag doch tatsächlich über die Rolle des Autors bei der Interpretation literarischer Texte in einer unreflektierten Art und Weise, für die sich ein Student im ersten Semester zurecht schämen würde. Da wird die Frage gestellt, ob der Tod des Autors nicht vielleicht doch eine etwas brutale Forderung sei, ob man nicht, zum Segen der einfacheren Interpretierbarkeit literarischer Texte, doch wieder den Weg hin zur hermeneutischen Verfahrensweise im Sinne einer sich dem Gedanken des Autors nähernden Textauslegung einschlagen solle. Natürlich wurde dafür auch argumentiert, und zwar – sinngemäß – mit den Worten: „Wenn der Autor tot ist, fehlt uns dann nicht was?“

Hier wollen wir kurz innehalten und uns fragen: Was passiert da?

Die Antwort auf diese Frage ist so einfach wie erschütternd: Die Frage nach der adäquaten Methode, literaturwissenschaftlich mit Texten umzugehen, wird übergangen zugunsten privatästhetischer Befindlichkeiten, zugunsten dessen, was schöner, vor allem: bequemer scheint. Was dabei herauskommt, wenn Literaturwissenschaftler sich selbst eine solche Einstellung zugestehen, wird leicht ersichtlich, wenn man sich aus den dutzenden Regalmetern an Kafkainterpretation bloß ein paar Textstellen beliebig heraus greift: In wenigstens sieben von zehn Fällen läuft die Interpretation auf Kafkas Verhältnis zu seinem Vater hinaus, sein ‚Brief an den Vater‘ wird beinahe zum einzig erlaubten, intertextuellen Verweispunkt innerhalb seines Werkes erhoben, gleichsam degradiert.

Ich will mir nicht die Anmaßung gestatten zu behaupten, ich wüsste, welche Zugangsweise zu literarischen Texten die „richtige“ sei. Soweit ich die Literaturtheorie überblicke, scheint es eine solche ohnehin nicht zu geben. Was ich mir jedoch erlaube ist, die Frage zu stellen, wie es dazu kommt, dass gestandene Literaturwissenschaftler sich öffentlich dazu hinreißen lassen, so unreflektiert Position zu beziehen. Freilich möchte ich niemandem persönlich die Schuld an diesem Phänomen in die Schuhe schieben. Das nämlich hieße, meinerseits unreflektiert und ignorant dem gegenüber, was man gemeinhin „Diskurs“ nennt, zu sein. Und doch habe ich schon einen Schuldigen, besser: eine Schuldige im Auge: Die gute, alte Begriffsverwirrung.

Da geht es doch die ganze Zeit um den Autor, den Tod desselben und seine Wiederbelebung mit daran anschließender, beinahe messianischer Reinkarnation. Der Autor, das macht das Beispiel Helene Hegemanns deutlich, ist wieder wer, war vielleicht nie niemand, nie tot, zumindest in der Wahrnehmung des gemeinen Lesers nicht. Und gerade so, als ob das nicht von Belang wäre, wird die Frage, wer das eigentlich sei, der da mal gelebt hat, von Barthes, Foucault und Konsorten brutal ermordet wurde und nun so dringend wiederbelebt werden muss, einfach übergangen. Auch das ist Brutal. Es ist der Tod des Begriffs. Warum man den nicht so einfach ermorden darf, dazu in Bälde mehr …

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2 Antworten zu Der Tod des Begriffs I

  1. . schreibt:

    Gut. Mehr davon.
    Das Experiment gefällt.

  2. Mikkai schreibt:

    Literatur ist ein Markt.
    Auf einem Markt gibt es nur wohlschmeckendes,
    totes Fleisch.

    Mikkai

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