Laschnikow

Als Karl Laschnikow eines Mittags aus traumlosen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Kater verwandelt. Kein Wunder, hatte er die letzte Nacht doch gesoffen, dass die Schwarte kracht. Das darf man übrigens recht wörtlich nehmen, denn ein kleiner Kerl mit kleinem Schwanz, dafür aber umso größerem Messer, hatte ihm das Selbe in den Bauch gesteckt. Nun, er hat es wenigstens versucht, scheiterte aber daran, dass Karl Laschnikow, gerade wenn er total paniert ist, über erstaunlich gute Reflexe verfügt, die dafür Sorge trugen, dass er nun nicht schwer verletzt oder gar tot im Krankenhaus, sondern eben nur mit angeritzter Schwarte in seinem Bett erwachte. Karl wusste zwar, dass, aber nicht, warum dieser Kerl versucht hatte, ihn abzustechen. Auch das ist kein Wunder: Kater verfügen im Allgemeinen über kein sehr gutes Gedächtnis. So will ich denn seiner Erinnerung auf die Sprünge helfen. Karl Laschnikow, hör gut zu! Es geht um Dich!

Dein Tag begann, wie die meisten Deiner Tage beginnen: Du stehst irgendwann auf, denn Du hast keine Termine, tust irgendwas, denn Du hast nichts zu tun, trinkst irgendwas, denn Du hast Hunger. Kein Mensch und kein Tier und kein Strauch und kein Stein weiß, was Du treibst, denn es interessiert keinen. Du interessierst keinen. Umso erstaunlicher, dass gerade an diesem Tag – wobei: es wäre an jedem Tag erstaunlich gewesen – umso erstaunlicher also, dass gerade jetzt, das heißt: irgendwann, Dein Telefon klingelt. Um ehrlich zu sein: Es ist schon erstaunlich, dass Du überhaupt ein Telefon hast. Was macht ein Blinder mit einer Lesebrille? Was ein Tauber mit einem iPod? Und genau so, wie ein Blinder vor einer Lesebrille, wie ein Tauber vor einem iPod, sitzt Du jetzt vor Deinem Telefon, das klingelt, und weißt nicht so recht, was damit anzustellen sei. Es ist nicht bloß der technische Akt des Hörer Abnehmens, der Dir, ob des Mangels an Übung einer nie getanen Tätigkeit, Schwierigkeiten bereitet. Vor allem hast Du damit zu kämpfen, dass da ganz offensichtlich jemand ist, der etwas von Dir will, keine Ahnung was, irgendwas. Zumindest aber: Mit Dir telefonieren. Das letzte, was man von Dir wollte, war, dass Du Deine neun Pflichtjahre in der Schule absitzt. Das war vor über zehn Jahren, und nicht selten war es die Polizei, die dafür Sorge trug, dass Du auch wirklich hin gehst. Seither war es still.

Als Deine Finger das rote Plastik fast berühren rinnt Dir der Schweiß wie in Strömen von der Stirn. Die Feuchte fällt auf Deine zitternden Hände. Dir ist eiskalt. Dein Blick verdichtet sich. Wie durch einen Strohhalm starrst Du auf den roten Fleck, der sich von Dir fort zu bewegen scheint. Um ihn herum wird es finster, um Dich herum wird es Nacht. Für einen Augenblick erstrecken sich die Stunden zwischen den Klingelzeichen über ganze Tage. Von Deinen Fingerspitzen gehen Blitze aus. Plastik ist ein Leiter. Aus der Ferne begreifst Du das Telefon, Du erfasst den Hörer. Die Hitze des Materials holt Dich zu ihr. Das Rauschen ihrer Stimme dringt zu Dir, in Dich. Du senkst Deinen Kopf, beugst Deinen Rumpf, verbeugst Dich, um sie lauter zu hören. Dein Ohr pulsiert im Takt Deines Herzens. Du hörst, sie weint.

„Hallo? Bist Du da? Bitte, kannst Du ganz schnell zu mir kommen? Ich weiß nicht mehr was ich …“ Sie stammelt aus Verzweiflung. Du stammelst zurück. Weil Du nicht mehr weißt, wie man spricht. „Hallo? Wer ist da?“ Deine Frage macht sie zögern, ihr Zögern macht Dich drängen. „Wer ist da? WER IST DA?“ Kurze Stille. Dann, weinerlich: „Laura! Wo ist Silke? Ich will mit Silke sprechen!“ Sie will mit Silke sprechen. Die Worte durchhallen Deinen Schädel. Mit Silke sprechen. Nicht mit Dir. Mit Silke sprechen. „Ich bin Karl, tut mir leid, ich bin nicht Silke.“ Du fragst Dich, warum sie weint. Du fragst sie, warum sie weint: „Warum weinst Du?“ Sie legt auf.

Wenig später klingelt Dein Telefon wieder. Dein Telefon klingelt schon zum zweiten Mal an diesem Abend. Früher hat es keine zwei Mal im Jahr geklingelt. Heute klingelt es zwei Mal an einem Abend. Das muss ein besonderer Tag, ein besonderer Abend sein. Natürlich weißt du nicht, wer es ist, der Dich anrufen könnte, obwohl Dir das gerade jetzt doch klar sein müsste. Es ist sie, Es Ist Sie, ES IST SIE, VERDAMMT! Du gehst dran. Es müsste eigentlich schon leichter gehen als beim ersten Mal, und doch: Es fällt Dir noch schwerer. Schwerer und schwerer. Unheimlich schwer. Du versuchst, den Hörer in die Hand zu nehmen, und er ist schwer, unheimlich schwer. Er wird immer schwerer. Je mehr Du versuchst, den Hörer vom Apparat zu nehmen, desto schwerer wird er, schwerer und schwerer. Dein Atem ist ruhig, ganz ruhig. Du bist ruhig, ganz ruhig, Du atmest ein, Du atmest aus, und ein, und aus, ein, aus, ein, und aus. Dein Kopf wird schwer, ganz schwer. Deine Arme werden schwer, ganz schwer. Du atmest ein, Du atmest aus. Schwer, ganz schwer.

„Silke!! Ich hab grad versucht Dich anzurufen. Da war so ein Typ an Deinem Telefon. Wer ist denn das? Bist Du da?“ – „Ich bin’s wieder“, sagst Du, „nicht Silke. Warum rufst Du mich an, wenn Du mit Silke sprechen willst?“ – Noch während Du das sagst wird Dir klar, dass Du gerade Opfer eines unabsichtlichen Streichs der Telefongesellschaft geworden bist. Da stimmt einfach was nicht im System. Da werden die Anrufe an Silke, deren Namen Du sehr komisch findest, so, als wäre sie aus Seide gemacht – ihre Anrufe werden, warum auch immer, Dir zugestellt. „Mist!“ hörst Du sie sagen.

„Ich … Ich glaube, Du hast Dich schon wieder verwählt.“ – „Fick Dich! Ich verwähle mich nicht! Ich verwähle mich nie!“ – „Dann ist es also Absicht, dass Du bei mir anrufst?“ – „Nein, verdammt, ich will mit Silke sprechen!“ – „Silke ist nicht da. Hier bin nur ich.“ Du wirst Dir Deiner Position sicherer: „Wenn Du nicht mit mir sprechen möchtest, musst Du eine andere Nummer wählen!“ – „Ich wähle die richtige Nummer. Ich verwähle mich nicht! Erst recht nicht zwei Mal hintereinander. Das ist Silkes Nummer! Ich will mit Silke sprechen!“ – „Welche Nummer hast Du denn gewählt? Ich glaube schon, dass das hier mein Telefon ist. Ich weiß es, weil hier nie jemand anruft. Nicht für mich, und nicht für Silke.“ – „Null Sieben Null Sieben Eins Neun Neun Vier Sieben Fünf Fünf!“
Das ist nicht Deine Nummer. Vielleicht ist es Silkes Nummer, jedenfalls nicht Deine. „Das ist nicht meine Nummer! Vielleicht ist es die Nummer von Silke. Meine ist es nicht.“ – „Das weiß ich! Dich Wichser hab ich ja auch nicht angerufen! Was hast Du mit Silke gemacht?“ – „Aber verwählt hast Du Dich sicher nicht?!“ – „Nein!“ – „Dann wirst Du Silke heute wohl nicht erreichen.“ – „tuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuut.“

„Ich bin’s nochmal …“ – „Wer?“ – „Laura!“ – „… und Du willst mit Silke sprechen?!“ – „Nein, also eigentlich, ja, aber immer wenn ich Silke anrufe, lande ich bei Dir. Deshalb hab ich mir jetzt gedacht: Vielleicht will ich einfach mit Dir sprechen. Vielleicht soll ich sogar mit Dir sprechen. Ich kann ja auch nicht anders, ich will ja mit Silke sprechen, aber ich kann nicht.“ – „Ja, Du kannst nicht. Du kannst nicht mit Silke sprechen, und deshalb willst Du jetzt mit mir sprechen.“ – „Nicht unbedingt mit Dir, eigentlich bloß mit irgendwem.“ – „Eigentlich nichtmal mit irgendwem. Eigentlich willst Du nur sprechen, nur reden …“ – „Ja!“

„Schön, dass Du da bist. Ich hätte ja nicht gedacht, dass Du wirklich kommst.“ – „Wieso hätte ich nicht kommen sollen?“ – „Weil, normalerweise, Leute ja nicht so einfach kommen, wenn man ihnen sagt: Komm! Erst recht nicht, wenn man sie nicht kennt.“ – „Ich verrate Dir ein Geheimnis!“ – „Ja?!“ – Ich bin einsam!“ – „Ja!“ – „Deshalb bin ich gekommen.“ – „Und ich!“ – „Also?“ – „Was nun?“ – „Ich weiß nicht …“ – „Lass uns tanzen gehn!“ – „Wo hin?“ – „Ins Mancuso!“ – „Kenn ich nicht. OK.“

Du gehst tanzen. Du Gehst Tanzen! Du verdammter Trottel gehst tanzen! Hättest Du Dir das träumen lassen? Heute träumen lassen? Oder gestern? Irgendwann?

Mit einer Diskoschorle geht das Reden leichter, mit zwei das Tanzen, mit drei das Trinken von Diskoschorle. Du schüttest das widerlich klebrige Gesöff in Dich hinein, um das widerlich klebrige Gefühl in Deinem Mund loszuwerden. Obwohl Dir dabei tausend Lichter an und auf gehen, bemerkst Du nicht, dass Dich dieser kleine, dickliche Kerl permanent aus seinen dummen Augen anstarrt. Wenn Du eine halbe Stunde später raus gehst, um eine zu rauchen, wird er mit gezücktem Messer auf Dich warten. Während er in Zeitlupe auf Dich zu rennt hörst Du ihn noch schreien: „Loaasss Doaaiiinne FFFiianngaaa vvooaan maaiiinea Aalltenn!“ und vielleicht bloß deshalb, weil Du nicht gleich blickst was er damit meint, gelingt es Dir – ebenfalls in Zeitlupe – einen kleinen Schritt zur Seite zu machen. Der Typ stolpert ins Leere, schafft es aber noch, Dich anzuritzen. Widerlich klebriges Zeug quillt aus Deinem Bauch. Du rennst davon.

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3 Antworten zu Laschnikow

  1. Erlebnispark schreibt:

    Ja! Du hattest mich bis zum Schluss mit dabei. Jetzt fühl ich schmutzig und schäbig, du Schuft!

  2. zehn schreibt:

    ha! herrlich!

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