Der Liebende

Gilles Deleuze spricht in seinem Abécédaire über den Alkoholiker. Der Alkoholiker, so Deleuze, sei stets auf der Suche nach dem letzten Glas. Das letzte Glas des Alkoholikers aber ist eben jenes Glas, das ihn vom Alkoholiker zum Nicht-Alkoholiker macht. Es ist mithin die Grenze, die der Alkoholiker als Alkoholiker immer zu erreichen trachtet und nie zu erreichen vermag. Deshalb kann die letzte, die eigentliche Grenze des Alkoholikers immer bloß das Glas vor dem letzten, das vorletzte Glas sein.

Ebenso verhält es sich mit dem Liebenden. Der Liebende strebt danach, sich dem Geliebten ganz zu öffnen, sich ihm vollends hinzugeben, mit ihm Eins zu werden. Wäre dieses Streben jedoch erfolgreich, würde sich der Liebende dem Geliebten tatsächlich ganz öffnen, sich ihm vollends hingeben, wäre er Eins mit ihm, so gäbe es nichts mehr, dem er sich öffnen, dem er sich hingeben, mit dem er Eins werden könnte. Der Liebende wäre kein Liebender mehr, sondern würde zum Nicht-Liebenden. Und so kann sich der Liebende als Liebender dem Geliebten immer nur zum Teil öffnen, nur unvollständig hingeben, nie Eins sein mit ihm. Das ist seine ewige Qual, seine ewige Lust, sein ewiges Sein.

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