Kulinarische Dissonanz

Der Wunsch nach vegetarischer Gänseleber ist legitim, aber das ändert nichts an der Schwachsinnigkeit des Gedankens. (Vincent Klink)

Wenn ich nicht wüsste, dass er es eben doch weiß, hätte ich gesagt: Herr Klink weiß garnicht, wie recht er damit hat. Dieser Satz ist so klug, weil er auf fein differenzierte Art die Wahrheit über gleich mehrere Dummheiten ausspricht und so nützlich, weil er ein Muster treffend erfasst und beschreibt, das nicht bloß im Spannungsfeld Tierschutz – Gutes Essen auftritt.

Nur am Rande: Ich glaube eigentlich garnicht, dass es sich dabei wirklich um ein Spannungsfeld handelt. Im Gegenteil. Gutes Essen – zumindest solches mit Fleisch drin – kann es nur zusammen mit artgerechter Tierhaltung geben, schon allein deshalb, weil ein schlechtes Gewissen jeden Genuss verdirbt. Auf der anderen Seite fördert eine gewisse Anspruchshaltung an die Qualität unserer Lebensmittel eben diese artgerechte Tierhaltung. Wasserblähfleisch schmeckt nämlich nicht, und was nicht schmeckt, das kauft der geneigte Esser einfach nicht.

Doch zurück zum eigentlichen Thema: Jenem gleich in zweifacher Hinsicht mustergültigen Satz. (Schon vergessen? Ich schreib ihn hier nochmal hin, so gut ist der:)

Der Wunsch nach vegetarischer Gänseleber ist legitim, aber das ändert nichts an der Schwachsinnigkeit des Gedankens. (Vincent Klink)

Dieser Satz trifft einfach auf so vieles zu, über das andauernd so angestrengt diskutiert wird, dass es kaum mehr zum Aushalten ist. Man muss nur die Wörter „vegetarischer“ und „Gänseleber“ durch Begriffe ersetzen, die dem Diskussionsgegenstand entsprechen, und schon tun sich Einsichten erster Güte auf:

Der Wunsch nach sicheren Atomkraftwerken ist legitim, aber das ändert nichts an der Schwachsinnigkeit des Gedankens. (frei nach Vincent Klink)

oder

Der Wunsch nach wirksamer Homöopathie ist legitim, aber das ändert nichts an der Schwachsinnigkeit des Gedankens. (frei nach Vincent Klink)

oder

Der Wunsch nach gesunden Zigaretten ist legitim, aber das ändert nichts an der Schwachsinnigkeit des Gedankens. (frei nach Vincent Klink)

etc. pp.

Sätze nach diesem Muster sind, eben weil sie sich dieses Musters bedienen, nicht bloß Statements, die die Schwachsinnigkeit eines Gedankens behaupten, sondern sie begründen auch gleich noch, warum das so ist. Die Fälle, auf die dieses Muster zutrifft, sind nämlich immer Paradebeispiele des in letzter Zeit zu zweifelhafter Berühmtheit gelangten Phänomens der kognitiven Dissonanz. Der Begriff beschreibt eigentlich ein Gefühl, das immer dann auftritt, wenn zwei oder mehr innere Zustände in Konflikt geraten. So zum Beispiel die ethische Überzeugung, dass Tiere nicht zur Befriedigung sinnloser menschlicher Gelüste getötet werden dürfen und der Wunsch, diesen Gelüsten eben doch nachzugeben. Der eine Zustand schließt jeweils den anderen aus, und deshalb muss eine Lösung her: Die vegetarische Gänseleber. Und obgleich dies – genau wie die Heilung durch nicht vorhandene Wirkprinzipien oder die absolute Kontrolle über Kernspaltungsprozesse inklusive aller äußerer Umstände und des jahrhunderttausende strahlenden Mülls – ein schwachsinniger Gedanke ist, so stellt er doch eine Lösung für die kognitive Dissonanz dar, wird mithin als akzeptabel empfunden. Dass er das eigentlich nicht ist, daran erinnert uns Herrn Klinks Satz:

Der Wunsch nach vegetarischer Gänseleber ist legitim, aber das ändert nichts an der Schwachsinnigkeit des Gedankens. (Vincent Klink)

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